
Im Deutschunterricht haben wir Joseph Roths Roman Radetzkymarsch gelesen und besprochen. Roth führt den Leser, die Leserin mithilfe einer auktorialen Erzählinstanz durch drei Generationen der Familie Trotta. Joseph Trotta wird durch die Rettung des Kaisers in den Adelsstand erhoben. Der Titel ist Resultat eines Zufalls. Sein Sohn, Franz Joseph von Trotta, verwaltet den Adelstitel pflichtbewusst. Carl Joseph von Trotta, die dritte Generation, zerbricht schliesslich an diesem Erbe. Carl Joseph leidet unter einer tiefen Identitätskrise, ist alkoholabhängig und innerlich orientierungslos. Zwar gehorcht er Befehlen und erfüllt seine Pflichten, doch seinem Leben fehlt ein tragender Sinn. Sein Tod beim Wasserholen ist kein heroischer, auch wenn der Radetzkymarsch in seinem Kopf widerhallt.
Nicht nur die Familie Trotta geht unter, sondern auch das Reich, mit dem ihr Schicksal eng verbunden ist. Der Roman ist eine Chronik der letzten Jahre und Jahrzehnte der Habsburgermonarchie und zeichnet das Bild eines Reichs im Zerfall. Nach aussen erscheint das Reich glorreich, mächtig und scheinbar stabil. Nach innen jedoch ist es von Führungsunfähigkeit, Korruption und ungelösten Nationalitätenkonflikten geprägt. Der Untergang des Reiches ist die logische Konsequenz eines militärisch und politisch realitätsfernen Systems, das lieber den Pomp und den Traditionszirkus weiterlaufen lässt, als die strukturellen Probleme des Reiches anzugehen.
Gut erkennbar im Roman ist ein wiederkehrender Gegensatz von Schein und Sein. Auf der gesellschaftlichen Ebene des Scheins, also der Ebene dessen, was sein soll, verfügt das Reich über eine angeblich mächtige Armee. Der Radetzkymarsch überdeckt symbolisch das Leid und die Todesschreie der Soldaten und inszeniert militärische Stärke und Ordnung. Auf der individuellen Ebene des Seins zeigt sich jedoch die tatsächliche Realität: Desorganisation, Korruption, Vetternwirtschaft und Sinnlosigkeit. So ist beispielsweise das Duell keine heroische Tat mehr, sondern eine schlichte Provokation mit tödlichem Ausgang. Und der Krieg kein Ort des Ruhms und der Ehre – wie es sich Carl Joseph als Kind immer vorgestellt hatte-, sondern eine Maschinerie des sinnlosen Sterbens.
Dieser Unterschied zwischen Schein und Sein ist jedoch nicht einfach ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Ähnliches zeigt sich heute besonders deutlich in sozialen Medien. Plattformen wie Instagram oder TikTok produzieren einen permanenten öffentlichen Schein. Heutzutage werden wir von einem Schwall an Kurzvideos, Stories und Posts überflutet. Man kann massenhaft Content sehen, der vorgibt, etwas zu sein. Perfekt aussehende Menschen, erfolgreiche Geschäftsmänner und -frauen etc. Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolg und perfektes Aussehen werden gekonnt inszeniert und einem breiten Publikum als anzustrebendes oder im schlimmsten Fall sogar normales Leben angepriesen.
Gerade darin liegt eine strukturelle Parallele zum Radetzkymarsch. Was in der Habsburgermonarchie Orden, Uniformen und militärische Rituale waren, sind heute Likes, Followerzahlen und Reichweite. In beiden Fällen wird sozialer Status sichtbar gemacht und quantifiziert. Damals signalisierte eine Uniform Zugehörigkeit, Rang und Anerkennung. Heute übernimmt diese Funktion eine Zahl unter einem Beitrag. Der Mechanismus ist derselbe: Anerkennung entsteht nicht unbedingt aus tatsächlicher Leistung, sondern aus äusserlich messbaren Zeichen.
Wie schon bei Roth bleibt auch heute das Innenleben vieler Menschen auf der gesellschaftlichen Scheinebene ausgeblendet. Hinter der scheinbar perfekten Oberfläche verschwinden Zweifel und Scheitern. Heute entsteht jedoch ein grosses Problem. Wer sich diesem System des sich-selbst-präsentieren entzieht, verliert Sichtbarkeit. Wer sich anpasst, verstärkt den Schein (und verrät sich selbst ein wenig, da er etwas vorgibt zu sein, dass er häufig nicht unbedingt ist). Daraus entsteht ein normativer Druck. Der Druck sich anzupassen und sich zu verbessern. Das Individuum lernt, sich selbst aus der Perspektive der anderen zu betrachten und entsprechend zu inszenieren.
Was sich jedoch als besonders interessant herausstellt, ist der Umstand, dass der Prozess der Selbstdarstellung in den sozialen Medien häufig nicht als äusserer Zwang erlebt wird. Während Carl Joseph den militärischen Gehorsam zumindest als Belastung empfindet, erscheint die Selbstdarstellung in sozialen Medien als freiwillig. Dies sehr wahrscheinlich, weil der Zwang nicht als äusserer, sondern als innerer erlebt wird. Nur Wenige verdienen Geld mit dem Content, den sie in den sozialen Netzwerken posten. Eine grosse Mehrheit gibt vieles aus ihrem Privatleben scheinbar freiwillig preis und füttert so die druckausübende Maschine namens Social Media. Und gerade diese «Freiwilligkeit» verstärkt den Druck. Denn wer nicht mitmacht, gilt als unsichtbar oder irrelevant. Das „Me“, im Sinne Meads, wirkt hier besonders effektiv, weil es nicht von einer Institution aufgezwungen wird, sondern sich als persönlicher Wunsch tarnt.
Byung-Chul Han, ein deutsch-südkoreanischer Philosoph, beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch Müdigkeitsgesellschaft als Selbstausbeutung, und als symptomatisch für moderne westliche Gesellschaften. Der moderne Mensch wird nicht mehr von aussen gezwungen etwas zu tun, sondern zwingt sich selbst. Dies passiert im Rahmen des Übergangs von einer Disziplinargesellschaft zu einer Leistungsgesellschaft. So wurde Carl Joseph noch gezwungen, den Schein mittels Paraden, Manövern und Kleidung zu wahren, wollen sich viele Menschen heutzutage selbst vergleichen, optimieren und verbessern. Diese scheinbare Freiwilligkeit macht den Druck noch schlimmer, weil er nicht mehr als Zwang erlebt wird.