#Deutsch

Glanz aussen, Leere innen

20. Januar 2026
Auch heute wird, wie früher, ein permanenter Schein dargestellt

Die Habsburgermonarchie zwischen Glanz und Realität

Im Deutschunterricht haben wir Joseph Roths Roman Radetzkymarsch gelesen und besprochen. Roth führt den Leser und die Leserin mithilfe einer auktorialen Erzählinstanz durch drei Generationen der Familie Trotta. Joseph Trotta wird durch die Rettung des Kaisers in den Adelsstand erhoben. Der Titel ist Resultat eines Zufalls. Sein Sohn, Franz Joseph von Trotta, verwaltet den Adelstitel pflichtbewusst. Carl Joseph von Trotta, die dritte Generation, zerbricht schliesslich an diesem Erbe. Carl Joseph leidet unter einer tiefen Identitätskrise, ist alkoholabhängig und innerlich orientierungslos. Zwar gehorcht er Befehlen und erfüllt seine Pflichten, doch seinem Leben fehlt ein tragender Sinn. Sein Tod beim Wasserholen ist kein heroischer, auch wenn der Radetzkymarsch in seinem Kopf widerhallt.

Nicht nur die Familie Trotta geht unter. Auch das Habsburgerreich, mit dem das Schicksal der Familie (eng) verbunden ist. Der Roman ist eine Chronik der letzten Jahre und Jahrzehnte der Habsburgermonarchie und zeichnet das Bild eines Reichs im Zerfall. Nach aussen erscheint das Reich glorreich, mächtig und scheinbar stabil. Nach innen jedoch ist es von Führungsunfähigkeit, Korruption und ungelösten Nationalitätenkonflikten geprägt. Der Untergang des Reiches ist die logische Konsequenz eines militärisch und politisch realitätsfernen Systems, das lieber den Pomp und den Traditionszirkus weiterlaufen lässt, als die strukturellen Probleme des Reiches anzugehen.

Gut erkennbar im Roman ist ein wiederkehrender Gegensatz von Schein und Sein. Auf der Ebene des Scheins verfügt das Reich über eine angeblich mächtige Armee. Der Radetzkymarsch überdeckt symbolisch das Leid und die Todesschreie der Soldaten und inszeniert militärische Stärke und Ordnung. Auf der Ebene des Seins zeigt sich jedoch die Realität: Desorganisation, Korruption, Vetternwirtschaft und Sinnlosigkeit. So ist beispielsweise das Duell keine heroische Tat mehr, sondern eine schlichte Provokation mit tödlichem Ausgang. Und der Krieg kein Ort des Ruhms und der Ehre – wie es sich Carl Joseph als Kind immer vorgestellt hatte-, sondern eine Maschinerie des sinnlosen Sterbens.  

Freiwilligen Selbstausbeutung? Schein und Zwang in sozialen Medien

Dieser Unterschied zwischen Schein und Sein ist jedoch nicht einfach ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Ähnliches zeigt sich heute besonders deutlich in sozialen Medien. Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok wird permanent ein öffentlicher Schein produziert. Wir werden von einem Schwall an Kurzvideos, Stories und Posts überflutet. Man kann massenhaft Content sehen, in dem Leute vorgeben, etwas zu sein, das sie vielleicht gar nicht sind. Perfekt aussehende Menschen, erfolgreiche Geschäftsmänner und -frauen etc. Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolg sowie perfektes Aussehen werden gekonnt inszeniert und einem breiten Publikum als anzustrebender Zustand angepriesen. Im schlimmsten Fall sogar als normales Leben.

Hier liegt eine Parallele zum Radetzkymarsch. Was in der Habsburgermonarchie Orden, Uniformen und militärische Rituale waren, sind heute Likes, Followerzahlen und Reichweite. In beiden Fällen wird sozialer Status sichtbar gemacht und quantifiziert. Damals signalisierte eine Uniform Rang und Anerkennung. Heute übernimmt diese Funktion eine Zahl unter einem Beitrag. Der Mechanismus ist derselbe: Das Abstrakte (Ansehen und Einfluss) wird materialisiert.

Wie schon bei im Radetzkymarsch wird auch heute das Innenleben vieler Menschen in öffentlichen Darstellungen ausgeblendet. Nach aussen wird ein stimmiges Bild vermittelt, während Negatives weniger sichtbar ist. Besonders digitale Plattformen begünstigen diesen Mechanismus. Wer Inhalte teilt und sich präsentiert, wird eher wahrgenommen als jemand, der das nicht tut. Umgekehrt kann Anpassung an gängige Darstellungsformen dazu führen, dass ein vereinheitlichter Eindruck entsteht. Daraus wiederum ergibt sich ein Erwartungsrahmen. Innerhalb dieses Rahmens orientieren sich viele.

Besonders interessant ist dabei, dass sich dieser Druck nicht wie ein (äusserer) Zwang anfühlt. Carl Joseph erlebt den militärischen Gehorsam wenigstens als Last. Die Selbstdarstellung in sozialen Medien hingegen wirkt freiwillig. Die meisten Menschen verdienen kein Geld damit. Trotzdem teilen sie bereitwillig ihr Privatleben. Der Zwang kommt nicht von aussen, sondern von innen. Man will dazugehören, gesehen werden, relevant sein. Genau deshalb ist dieser Mechanismus so wirkungsvoll. Er tarnt sich als persönlicher Wunsch – und ist dadurch schwerer zu durchschauen und zu hinterfragen.

Byung-Chul Han, ein deutsch-südkoreanischer Philosoph, beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch Müdigkeitsgesellschaft als Selbstausbeutung, und als symptomatisch für moderne westliche Gesellschaften. Der moderne Mensch wird nicht mehr von aussen gezwungen etwas zu tun, sondern zwingt sich selbst. So wurde Carl Joseph noch gezwungen, den Schein mittels Paraden, Manövern und Kleidung zu wahren, wollen sich viele Menschen heutzutage selbst vergleichen, optimieren und verbessern. Diese scheinbare Freiwilligkeit macht den Druck noch schlimmer, weil er nicht mehr als Zwang erlebt wird.