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Vom Brandopfer zum Völkermord – Geschichte eines Wortes

13. April 2026
Grafische Darstellung der etymologischen Entwicklung des Wortes Holocaust (eigene Darstellung)

Bedeutungswandel des Wortes „Holocaust“

Im Deutschunterricht der letzten Wochen standen zwei Themen im Zentrum: der Holocaust und die Semantik. Für den Leser oder die Leserin dieses Blogs mag die Wissenschaft von der Bedeutung sprachlicher Zeichen und einer der schlimmsten Genozide der Geschichte zunächst wenig gemeinsam haben. Doch gerade an der Bezeichnung "Holocaust" selbst lässt sich zeigen, wie eng Wortbedeutungen und ein Genozid miteinander verknüpft sind.

Das Wort Holocaust hat griechischen Ursprung. Es setzt sich aus den beiden Morphemen ὅλος („ganz“) und καυστός (vom Infinitiv καίειν, „verbrennen“) zusammen und bedeutet wörtlich „vollständig verbrannt“. Im antiken Griechenland bezeichnete das zugehörige Neutrum τὸ ὁλόκαυστον ein Tieropfer, das vollständig auf einem Altar verbrannt wurde. Dem Begriff lag somit eine religiöse Bedeutung zugrunde, nämlich die des Opferns. Diese Opfersymbolik impliziert, dass etwas für etwas anderes dargebracht wird, damals in der Regel für verschiedene Gottheiten.

Später wurde das griechische Wort ins Lateinische übernommen. Dort bezeichnete holocaustum ebenfalls ein Opfer, das vollständig verbrannt wurde, ohne dass etwas davon übrig blieb oder verzehrt wurde. Darüber hinaus konnte der Begriff auch ein Inferno, eine Massenvernichtung durch Feuer oder ein Massaker bezeichnen. Sehr wahrscheinlich von dieser lateinischen Verwendung ausgehend gelangte das Wort ins Englische. Seit dem 12. Jahrhundert bezeichnete holocaust den Feuertod vieler Menschen. Bereits früh wurde der Begriff auch im Zusammenhang mit Judenpogromen verwendet. Der englische Chronist Richard of Devizes berichtet nach der Krönung von Richard Löwenherz, man habe begonnen, Juden zu „opfern“, und bezeichnete die Getöteten als holocaustum (Brandopfer).

Im 17. Jahrhundert erhielt das Wort eine weitere Bedeutung. Es wurde verwendet, um „Massaker“ oder die „Zerstörung einer großen Anzahl von Menschen“ zu beschreiben. Der vollständige Bedeutungswandel hin zur allgemeinen Bezeichnung von Massakern vollzog sich im 19. Jahrhundert. So wurden etwa die Massenmorde an den Armeniern 1895/96 sowie weitere Gewalttaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts als holocaust bezeichnet. Eine um 1910/11 geläufige Definition findet sich in der Encyclopaedia Britannica: „[holocaust bezeichnet] strenggenommen ein ganz durch Feuer zerstörtes Opfer … Der Ausdruck wird heute oft auf eine Katastrophe großen Ausmaßes angewandt, ob durch Feuer oder nicht, oder auf ein Massaker oder Gemetzel.“

1942 verwendete die britische Presse das Wort erstmals im Zusammenhang mit der Judenpolitik des NS-Regimes. Breite internationale Bekanntheit erlangte es 1978 durch die amerikanische Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss. In der Folge setzte sich der Begriff in vielen Ländern als Bezeichnung für den Genozid an den europäischen Juden durch. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet Holocaust die systematische Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen während der NS-Zeit, insbesondere der Juden. Gleichzeitig trägt der Begriff von Beginn an eine religiöse Opfermetaphorik in sich. Eine umstrittene Bedeutung.

Problematik des Begriffs „Holocaust“ und die Alternative „Scho'a“

Wie oben aufgezeigt, hat das Wort Holocaust ursprünglich eine religiöse Bedeutung. Geopfert wird meistens einer Gottheit, mehreren Göttern oder einer beliebigen transzendentalen Macht. Dabei ist wichtig, dass dem Opfern ein (religiöser) Sinn zukommt. Das Opfer, sei es ein Tier oder ein materieller Gegenstand, dient dem Zweck, etwas im Gegenzug von der höheren Macht zu erhalten. Dabei kann es sich um Sicherheit oder Glück für den Stamm oder auch um bessere Wetterbedingungen handeln. Was genau im Gegenzug gefordert wird und ob es erhalten wird, ist weniger wichtig als der Umstand, dass etwas im Gegenzug dafür verlangt wird.

Der Holocaust war jedoch keine rituelle Opferungsaktion. Am Holocaust war nichts Rituelles, Religiöses oder gar Heiliges, wie es sonst bei Opferungen der Fall ist. Das Wort Holocaust ist insofern problematisch, als dass eine ursprünglich religiöse Bedeutung mitschwingt. Dies bleibt weiterhin problematisch, auch wenn heutzutage wahrscheinlich die wenigsten um dessen Etymologie wissen. Denn diese implizite Deutung kann den Charakter des Geschehens verändern. Es unterlegt dem Geschehen nachträglich eine Bedeutungsebene, die historisch nicht gegeben ist. Das Wort bleibt daher problematisch, weil es eine religiöse Vorstellung auferlegt, die dem realen Ereignis selbst fremd ist. Diese Ansicht vertreten heutzutage viele Akteure, so der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Erinnern, ein österreichisches Programm zum Lehren und Lernen über Nationalsozialismus und Holocaust und zur Prävention von Antisemitismus durch Bildung.

Nicht in diesem Sinne mit einer religiösen Opfermetaphorik aufgeladen ist das hebräische Substantiv שׁוֹאָה (Scho'a[h]), das «Katastrophe» oder «grosses Unheil» bedeutet. Es bezeichnet in der Bibel eine Bedrohung des Volkes Israel, also der Juden. Auch hier kommt Gott vor. Doch es gibt einen perspektivischen Unterschied. Beim Wort Scho'a ist Gott nicht Empfänger eines Opfers. Gott ist vielmehr Zeuge einer Katastrophe, die dem Volk Israel widerfährt. Damit bleibt die moralische Verantwortung bei den Tätern. Es entsprach zudem einer jüdischen Tradition, sehr schlimme Ereignisse der jüdischen Geschichte mit einem biblischen Wort zu bezeichnen. Somit ist das Wort Scho'a ein von der jüdischen Gemeinschaft selbst gewähltes Wort, das in einer Tradition der Vertreibung und Vernichtung steht, wenn auch diese in ihrem Ausmass unbeschreiblich grösser und schlimmer war.

Für manche mag es unverhältnismässig und gar unnötig erscheinen, sich langwierig um ein Wort zu streiten. Doch gerade in besonders heiklen Fällen wie der Scho'a ist eine korrekte sprachliche Verwendung enorm wichtig. Denn mit dem alltäglichen Gebrauch von Begriffen vermitteln wir eine Bedeutung. Diese Bedeutung kann, wenn auch unbewusst, unser Denken beeinflussen. Ein vermehrter Gebrauch des Wortes „Holocaust“ birgt das Risiko, die Opfer-Metaphorik zu festigen. Eine Bedeutung, die dem Ereignis fremd ist. Deshalb wäre Scho’a der geeignetere Begriff.